Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 10
Position
„Ready“
müssen vor
allem die
Schulen sein!
Ein Beispiel dafür sind die bundesweit geplanten Sprachstandserhebungen ab dem vierten Lebensjahr. Sie sollen messen, ob
Kinder über „schulfähige“ Deutschkenntnisse verfügen, setzen
dabei aber fast ausschließlich auf deutschsprachige Kriterien
und übersehen mehrsprachige Entwicklungsverläufe. Forschungsergebnisse zeigen seit Langem: Tests verbessern die
Qualität nicht automatisch. Der Glaube, dass Diagnostik automatisch zu Förderung führt, ist ein Relikt schulischer Sozialisation und Ausdruck einer technokratischen Logik, die Kinder auf
Zahlen reduziert.
2. Kitas als eigenständige Bildungsorte
In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, Kita und Schule
nicht in einem hierarchischen Verhältnis zu sehen, sondern als
Wie schaffen wir Bildungserfolg für alle
in superdiversen Kitas? Sind Schulen
vorbereitet auf Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache oder aus belasteten Familien? Sind Sprachstandserhe-
eigenständige Bildungsorte. Der gesetzlich verankerte Auftrag
der Kindertagesbetreuung reicht weit über die Vorbereitung auf
schulische Anforderungen hinaus. Kitas sollen Kinder in ihrer
ganzen Persönlichkeit stärken: in sozialen und emotionalen Fähigkeiten, in kulturellen und motorischen Ausdrucksformen, in
sprachlichen, naturwissenschaftlichen, medialen und alltagspraktischen Kompetenzen.
bungen gerecht? Dr. Seyran Bostanci
Darüber hinaus übernehmen sie wichtige Aufgaben in der Zu-
hat dazu eine klare Position. Ein Beitrag
über Kinderschutz bis hin zu gesundheitsfördernden Angebo-
zur Debatte.
sammenarbeit mit Familien – von Beratung und Unterstützung
ten. Damit tragen Kitas nicht nur zur individuellen Entwicklung
von Kindern bei, sondern auch zur Chancengerechtigkeit und
zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ihr Profil ist also umfassender und stärker kind- wie familienorientiert, als ein reduziertes Verständnis von „Vorschulförderung“ nahelegt.
Wenn Kinder von der Kita in die Schule wechseln, ist in Politik
Zugleich führen internationale Vergleichsstudien wie PISA im-
und Bildungsdebatten viel von „School Readiness“ die Rede. Die
mer wieder vor Augen, dass das deutsche Schulsystem den ak-
Frage lautet dann: Ist das Kind bereit für die Schule? Doch kaum
tuellen Anforderungen an Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe
wird die Frage umgekehrt gestellt: Ist die Schule eigentlich be-
nicht gerecht wird. Anstatt diesen Befund kritisch zu reflektie-
reit für alle Kinder? Der Übergang ist kein unscheinbarer Ent-
ren und strukturelle Veränderungen im Schulsystem einzulei-
wicklungsschritt, sondern ein machtvoller Moment, in dem
ten, wird der Druck nach unten weitergegeben – hin zu den Ki-
festgelegt wird, wer als „fähig“, „sprachkompetent“ oder „för-
tas, die sich angeblich stärker an schulischen Logiken orientie-
derbedürftig“ gilt – und wer nicht. Gerade Kinder aus rassifizier-
ren sollen. Doch das ist keine Lösung. Es geht nicht darum, Ki-
ten oder benachteiligten Gruppen stoßen hierbei auf struktu-
tas an die Schule anzupassen, sondern vielmehr darum, dass
relle Hürden. Es reicht nicht, Übergänge freundlich zu gestalten.
beide Institutionen voneinander lernen und gemeinsam Ansät-
Sie müssen gerecht sein.
ze entwickeln, die Kindern den Übergang erleichtern, vielfältige
Lernräume eröffnen und ihre Potenziale entfalten.
1. Der Mythos vom neutralen Übergang
Der Wechsel in die Schule wird oft als natürliche Reifeprüfung
3. Wer gilt als „nicht ready“ – und warum?
dargestellt – als Test, ob das Kind bereit ist. In Wahrheit han-
Besonders Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache sowie
delt es sich jedoch um eine Schnittstelle, an der sich Chancen
Kinder aus belasteten Lebensverhältnissen werden im Über-
und Ausschlüsse verdichten. Frühkindliche Bildung ist längst
gang als „nicht bereit“ eingestuft. Ausschlaggebend sind Spra-
kein „geschützter Raum“ mehr, sondern Teil eines politisch ge-
che, Verhalten und Familienkultur – gemessen an weißen, bür-
steuerten Systems. Standardisierung, Output-Orientierung und
gerlichen, monolingualen Leitbildern. Wer davon abweicht, gilt
Vergleichslogiken – ursprünglich schulische Prinzipien – prägen
schnell als auffällig oder defizitär.
zunehmend auch die Frühpädagogik.
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