Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 11
Die Folgen sind gravierend. Wird ein Kind als „förderbedürftig“
Zugleich zeigt die Praxis: Eltern sind unverzichtbare Partnerin-
eingestuft, greifen in einigen Bundesländern verpflichtende
nen und Partner, wenn sie auf Augenhöhe beteiligt werden.
Maßnahmen, die mit Sanktionen für Eltern verbunden sein kön-
Dazu braucht es Strukturen, die ihre Perspektiven ernst neh-
nen. In Hamburg etwa drohen Strafen, wenn Kinder nicht zur
men, die Kritik zulassen und Diskriminierungserfahrungen nicht
verpflichtenden Sprachförderung gebracht werden. Das ist kein
abwehren, sondern bearbeiten. Ohne professionelle Anlaufstel-
Empowerment, sondern Zwang. Es zeigt einen Paradigmen-
len bleibt vieles folgenlos.
wechsel: Förderung wird durch Kontrolle ersetzt, Vertrauen
durch Druck.
7. Plädoyer für einen gerechten Übergang
Der Übergang in die Schule ist ein Prüfstein für gesellschaftli-
4. Die autoritäre Wende in der Bildungspolitik
che Gerechtigkeit. Wenn wir ihn ernst nehmen, dürfen wir
Diese Entwicklung ist kein Zufall. Sie steht für eine autoritäre
Kinder nicht länger an ein System anpassen, das selbst nicht
Wende in der Bildungspolitik. Der aktuelle Entwurf des Berliner Bildungsprogramms verdeutlicht diese Verschiebung: Vielfalt, Inklusion und Diskriminierungskritik – vormals zentrale Anliegen – werden gestrichen oder auf
Randnotizen reduziert. Inklusion beschränkt
sich auf Behinderung, pädagogische Vielfalt
bereit ist. Schulen und Kitas müssen so
„Kinder lernen nicht unter
Druck. Sie lernen dort,
wo sie Beziehungen erleben,
wo man ihnen zuhört und
sie ernst nimmt.“
wird zur Nebensache.
gestaltet werden, dass sie der Vielfalt der
Kinder gerecht werden – unabhängig von
Sprache, Herkunft, Behinderung oder sozialem
Status. Kitas sind keine bloße Vorstufe der
Schule, sondern eigenständige Bildungsorte
mit einem eigenem Auftrag. Sie brauchen
Rahmenbedingungen, die Sprachbildung
dialogisch und partizipativ ermöglichen. Bildung darf nicht zur
Gleichzeitig wird die Verantwortung für Bildungsungleichheit
autoritären Disziplinierung verkommen, sondern muss Raum
zunehmend individualisiert. Nicht mehr das System steht zur
für Entwicklung, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit
Debatte, sondern angebliche Defizite der Kinder oder ihrer Fa-
schaffen.
milien. Eltern, vor allem mit Migrationsgeschichte, werden auf
diese Weise zu Sündenböcken eines Systems gemacht, das
Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, Kontrolle führe
selbst strukturell ausschließt. Dass gerade jetzt mehr Tests,
zu Chancengleichheit. Anstelle von Programmen, die Vielfalt
Verpflichtungen und Sanktionen eingeführt werden, zeigt: Es
marginalisieren und Selektion normalisieren, sind politische
geht weniger um Gerechtigkeit und um die Förderung von Lern-
Entscheidungen gefragt, die auf Gerechtigkeit, Teilhabe und
prozessen als um Kontrolle, die zu höheren Leistungsoutputs
Vertrauen setzen.
führen soll. Dieses Versprechen lässt sich jedoch empirisch
nicht einlösen.
Denn am Ende gilt: Nicht die Kinder müssen „ready“ sein – sondern die Institutionen, die ihnen begegnen.
5. Was Kinder wirklich brauchen: Beziehung, Zeit, Vertrauen
Die Gleichsetzung von Tests mit Qualität und Wirksamkeit hält
keiner wissenschaftlichen Prüfung stand. Studien zeigen, dass
standardisierte Maßnahmen weder nachhaltige Bildungserfolge
sichern noch zur Chancengerechtigkeit beitragen. Im Gegenteil:
Sie stigmatisieren, erzeugen Druck und verschärfen soziale Unterschiede. Kinder lernen nicht unter Druck. Sie lernen dort, wo
sie Beziehungen erleben, wo man ihnen zuhört und sie ernst
nimmt, wo sie Zeit haben, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. Sprachentwicklung geschieht nicht durch Tests, sondern durch Dialog, durch Spiel und durch Teilhabe. Alltagsintegrierte Sprachanlässe sind wirksamer als jede standardisierte
Maßnahme. Dafür braucht es keine Testkultur, sondern bessere
Arbeitsbedingungen, multiprofessionelle Teams – und die Anerkennung von Mehrsprachigkeit als Ressource, nicht als Risiko.
6. Eltern als Partner – nicht als Zielscheibe
Eltern wird oft nahegelegt, mehr zu tun: mehr fördern, mehr integrieren, mehr anpassen. Doch dieser Appell verfehlt den Kern.
Es darf nicht Aufgabe der Eltern sein, gegen das System zu
kämpfen, damit ihre Kinder dazugehören. Die Verantwortung für
gerechte Bildung liegt bei den Institutionen.
Dr. Seyran Bostancı arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im
Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) am Deutschen
Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Im NaDiRa
verantwortet sie den Bereich Bildung und Rassismus.
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