Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 17
Wie gut sprechen Kinder eigentlich Deutsch, wenn sie den Kindergarten verlassen? Diese Frage ist derzeit sehr präsent. Fast jede
Woche gibt es neue Schlagzeilen über Kinder, die Sprachtests nicht
bestehen – oder Lehrkräfte, die berichten, dass viele Kinder im
Unterricht kaum mitkommen.
Es besteht Einigkeit darüber, dass Sprache die Basis für unser
Kinder erwerben Sprache in sozialen Interaktionen: beim Spie-
Denken, den sozialen Austausch und die Teilhabe ist. Doch was
len im Rollenspielbereich, beim gemeinsamen Konstruieren in
genau sind „gute“ Sprachkompetenzen? Was und wie sollen Kin-
der Bauecke, bei Gesprächen beim Mittagessen oder beim An-
der sprechen und sich ausdrücken können, wenn sie den Kinder-
ziehen in der Garderobe. Am intensivsten nutzen sie Sprache,
garten verlassen? Welche Basiskompetenzen sind im Bereich
wenn sie merken, dass sie damit etwas bewirken können, und
sprachlicher Bildung wichtig?
bei Themen, die ihnen wichtig sind und für die sie sich interessieren. Diese Situationen und Themen gilt es, im Alltag zu erkennen und zu nutzen.
Zu den Kompetenzen der Sprachbildung zählen:
Reflexionsfrage: Interessiere ich mich für die Themen
Sprachverständnis:
der Kinder? Bin ich bereit zu erfahren, was an Pokémon,
Fähigkeit, gesprochene Sprache inhaltlich zu verstehen
Mangas oder dem neuen Spiel vom Tablet so interessant ist?
(z. B. komplexe Aufgaben oder Zusammenhänge)
Da sich in Evaluationsstudien gezeigt hat, dass spezielle SprachWortschatz/Wortbedeutung
förderprogramme für einzelne Kompetenzen keine oder nur
(semantisch-lexikalische Kompetenz):
sehr geringe Effekte haben (Polotzek et al., 2008; Wolf et al.,
Verstehen von Wörtern (passiver Wortschatz) und Nutzung
2011), hat sich das Konzept der alltagsintegrierten Sprachbil-
von Wörtern (aktiver Wortschatz)
dung im frühpädagogischen Bereich durchgesetzt. Der Alltag
der Kinder wird von den pädagogischen Fachkräften jederzeit
Phonologische Bewusstheit:
auf einem hohen sprachlichen Niveau begleitet. Gesprächsan-
Fähigkeit, die Struktur gesprochener Sprache zu erkennen
lässe der Kinder werden aufgegriffen und die Kinder werden
(Reime bilden, Silben klatschen, Anlaute identifizieren)
durch Impulse, insbesondere durch offene Fragen zu Gesprächen angeregt. Vereinfacht zeigt sich, dass zwei Faktoren ent-
Prosodische Kompetenz:
scheidend sind: Qualität und Quantität der Sprachanregung
Erkennen und Nutzen von sprachlicher Melodie, Betonung,
durch pädagogische Fachkräfte. Die Qualität der Sprachanre-
Rhythmus, Klang und Lautstärke
gung zeigt sich in Sprachlehrstrategien wie der sprachlichen
Begleitung des Alltags, korrektivem Feedback oder dem Stellen
Grammatik
offener Fragen. Das Ziel sind Interaktionen, die vertiefende Di-
(morphologisch-syntaktische Kompetenz):
aloge zwischen Kind und Erwachsenen schaffen. In der Fachwelt
Beherrschen von Wortformen und Satzbau
werde diese als sustained shared thinking (SST; Siraj-Blatchford
(z. B. Mehrzahlbildung, Vergangenheitsbildung)
et al., 2002) bezeichnet.
Pragmatische Kompetenz:
Ein Beispiel: Wohin geht die Sonne, wenn es Nacht wird? Ent-
Sprachhandeln (Gespräch aufrechterhalten,
scheidend ist dabei nicht, dass Erwachsene sofort die richtige
Perspektivwechsel vornehmen oder eigene Anliegen
Antwort wissen. Vielmehr geht es darum, einen vertiefenden
vermitteln).
Dialog mit gemeinsamen gedanklichen Problemlösungen zu
starten: „Spannende Frage! Was denkst du?“ oder „Wie können
Literacy-Kompetenz: Interesse an Büchern, Erkennen von
wir das herausfinden?“
Symbolen, erste Schreibversuche
Reflexionsfrage: Schaffe ich es, mich zurückzunehmen,
damit zuerst das Kind seine Hypothese äußert?
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