Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 21
Kristin van der Meer ist Lehrerin an einer Potsdamer Grundschule, die
viele Kinder mit sehr unterschiedlichen Startvoraussetzungen aufnimmt.
Die Quereinsteigerin schöpft Kraft aus jedem Moment, in dem ein
Kind sagt: „Ich hab’s verstanden!“ Oder: „Ich trau mich jetzt!“. Oder weil
es strahlt, da es sich gesehen fühlt. Warum ein Kita-Besuch Kindern
den Übergang in die Schule erleichtert, erklärt van der Meer im Interview.
Wie erleben Sie den Übergang von der Kita in die Grund-
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen im Schulalltag
schule bei Kindern mit und ohne Kitavorerfahrung?
bei Kindern, die keine oder nur wenig Kita-Erfahrung
Kinder, die bereits mehrere Jahre eine Kita besucht haben,
mitbringen?
starten in der Regel mit einer spürbar größeren Sicherheit in
Für diese Kinder ist der Start in die Schule oft wie ein Sprung
den Schulalltag. Sie sind es gewohnt, Teil einer Gruppe zu sein,
ins kalte Wasser. Sie haben kaum eine Vorstellung davon, was
kennen Regeln und Abläufe und haben bereits geübt, eigene
sie erwartet. Sie kennen keine Rituale wie Morgenkreise oder
Bedürfnisse zurückzustellen, Kompromisse einzugehen und
Dienste und sind manchmal auch von der Gruppengröße und
Konflikte auszuhalten. Dieses erste soziale Rollenverständnis
den neuen Anforderungen überwältigt. Besonders die Selbst-
erleichtert ihnen den Einstieg enorm und schafft eine stabile
regulation stellt eine große Herausforderung dar: konzentriert
Basis für das Lernen. Ganz anders erleben wir Kinder, die ohne
zu bleiben, Frustration auszuhalten und eine Aufgabe zu Ende
diese Vorprägung in die Schule kommen. Für sie ist der Über-
zu bringen.
gang nicht nur ein organisatorischer Wechsel, sondern häufig
auch ein emotionaler Bruch. Sie betreten eine völlig neue Welt,
Das wirkt sich auf die gesamte Klassendynamik aus. Uns ist
in der sie gleichzeitig lernen müssen, sich in der Gruppe zu-
wichtig, dass diese Kinder nicht vorschnell als „nicht schulfä-
rechtzufinden, den Tagesablauf zu verstehen und schulische
hig“ bewertet werden. Stattdessen versuchen wir, gezielt un-
Anforderungen zu bewältigen. Diese Situation ist für viele Kin-
terstützende Strukturen zu schaffen – durch klare Abläufe,
der sehr herausfordernd und erfordert von Beginn an eine
kleine Rituale, feste Bezugspersonen oder gezielte Förderan-
enge, individuelle Begleitung durch uns Lehrkräfte.
Welche Kompetenzen bringen Kinder mit, die mindestens
drei Jahre lang eine Kita besucht haben, und welche fehlen
Kindern, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, häufig?
Kristin van der Meer ist seit 2017 Lehrerin,
unterrichtet an der Neuen Grundschule Potsdam und bezeichnet
sich selbst als „Bildungsinfluencerin mit Überholspurgedanken”.
Kinder mit einer längeren Kitazeit verfügen oft über ein solides Fundament an Basiskompetenzen. Sie können zuhören und
abwarten, Anweisungen folgen und sich sprachlich ausdrücken, um Bedürfnisse oder Gefühle zu benennen. Sie sind es
gewohnt, Materialien verantwortungsvoll zu nutzen – sei es
Stifte, Scheren oder Bastelmaterial – und können sich selbstständig organisieren, etwa beim Packen ihrer Sachen oder
beim Einhalten von Arbeitsphasen. Auch die Orientierung in einer Gruppe fällt ihnen leichter: Sie wissen, wie man Aufgaben
teilt oder Hilfe anbietet.
Bei Kindern ohne Kitabesuch fehlen diese Kompetenzen nicht,
weil sie weniger fähig wären, sondern weil ihnen bisher der
Übungsraum gefehlt hat. Besonders bei Kindern aus bildungsbenachteiligten Familien oder mit Fluchterfahrung ist zu beobachten, dass sie erst in diese neue Lernumgebung hineinwachsen müssen. Für uns bedeutet das, dass wir grundlegende Abläufe und soziale Fähigkeiten zu Beginn intensiver einführen und begleiten müssen.
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