Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 24
Welche Rolle spielt die Beziehungsgestaltung in der Kita
für eine gelingende Vorbereitung auf die Schule – und wie
unterscheidet sich diese Beziehungsqualität von der in der
Grundschule?
In der Kita ist Beziehung das zentrale Curriculum. Eine sichere, verlässliche Beziehung macht Lernen überhaupt erst möglich und schafft die Basis für Co-Regulation, Sprachbildung
und Problemlösen. Im Unterschied zur Grundschule erlauben
der entspanntere Tagesablauf (keine Einteilung in Unterricht
und Pause) und der (idealerweise) bessere Schlüssel in der
Kita mehr individuelle Zuwendung im jeweiligen Lernmoment.
In der Schule sind Beziehungen natürlich genauso wichtig.
Dort stoßen wir aber leider sehr schnell an strukturelle Grenzen (Größe der Lerngruppen, Taktung). Für einen gelungenen
Übergang braucht es beides: starke Beziehungen in der Kita
und eine Schule, die diese Beziehungskultur fortsetzt – beispielsweise mit Ankommenszeiten, festen Bezugspersonen
und multiprofessioneller Unterstützung.
Kritische Stimmen sagen, dass Kitas zu „kleinen Schulen“
werden. Befürwortende plädieren hingegen für mehr
strukturelle Anschlussfähigkeit. Wie sehen Sie die Balance
zwischen spielerischem Lernen und schulvorbereitenden
Elementen in der Kita?
Ich sehe es ebenfalls sehr kritisch, wenn Landesämter oder MiWas unterscheidet die vorschulische Bildung in der Kita
nisterien der Meinung sind, man könne Lernen durch striktere
grundlegend von der schulischen Vorbereitung auf den
Curricula herbeiführen. Wichtig ist, sich immer wieder klarzu-
Schulbeginn?
machen, wie frühkindliche Bildung funktioniert: Spiel ist die
Kita-Bildung ist keine Vorstufe von Schule, sondern ein eige-
Lernform des Kindes – und hochwirksam. Vorläuferfertigkei-
ner Bildungsort. Am meisten lernen Kinder hier in gut beglei-
ten für Lesen, Schreiben und Mathematik entstehen beim
teten Alltagssituationen – beim Anziehen, Essen, Streiten und
Spielen, in Gesprächen, beim gemeinsamen Planen und Erkun-
Vertragen, Bauen und Erzählen. Entscheidend sind feinfühlige,
den. Dort knüpfen sie an die Interessen der Kinder an, und wo
kognitiv anregende Interaktionen und Zeit für individuelles
mit Interesse gelernt wird, bleibt einfach mehr hängen. Schulvorbereitende Elemente müssen auch ihren
Tempo. „Vorbereitung auf die Schule“ bedeutet
deshalb nicht Arbeitsblätter auszufüllen oder
„jeder malt einen Baum“, sondern vor allem die
Stärkung der Selbstregulation, der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, der sozial-emotiona-
„Nicht die Kinder müssen
‚schulfähig’ gemacht
werden – die Schule muss
‚kindfähig’ gestaltet sein.“
len Kompetenz und der Neugier.
Platz haben: alltagsintegriert, sinnstiftend
und ohne Leistungsdruck. Das funktioniert
beispielsweise hervorragend über Reime und
Laute in Sprachspielen, Mengenbezeichnungen beim Bauen und Kochen oder Muster im
Gestalten. Was dabei leider nicht hilft, sind Trainingslogiken,
Die jüngste Debatte zu diesem Thema wurde durch die Natio-
die Kinder aussortieren oder vergleichen. Frühzeitige Scree-
nale Empfehlung der Leopoldina mit dem Titel: „Förderung von
nings sind sinnvoll, um Unterstützungsbedarfe nicht zu über-
Selbstregulationskompetenzen in Kitas und Schulen“ (2025)
sehen – sie dürfen aber nie zum Selektionsinstrument werden.
angestoßen. Darin wird Selbstregulation als zentrale, bildungsrelevante Querschnittskompetenz hervorgehoben und
eine systematische Förderung über den gesamten Bildungsverlauf hinweg gefordert. Das Schulportal hat die Empfehlung
aufgegriffen und diskutiert.
Natürlich braucht es einen guten (also viel besseren) Betreuungsschlüssel. Ausreichend Zeit ist die Voraussetzung dafür,
dass Fachkräfte genau diese Lerngelegenheiten im Alltag aufgreifen können. Wichtig ist auch: Nicht die Kinder müssen
„schulfähig“ gemacht werden – die Schule muss „kindfähig“
gestaltet sein.
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