Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 25
Gibt es aus Ihrer Sicht ein strukturelles Machtgefälle
Frühe Screenings würden regelmäßig, mehrdimensional und
zwischen Schule und Kita, wenn es um die Definition von
vor allem ressourcenorientiert durchgeführt. Sie zeigen, wo
„Schulfähigkeit“ geht – und wie könnte dieses verändert
Unterstützung guttun würde: Der Hörtest ist unauffällig, die
werden?
Feinmotorik braucht Übung und der Wortschatz ist stark –
Ja, de facto definiert häufig die Schule, was als „schulfähig“
was hilft konkret? Nun liegt es an der individuellen Kompe-
gilt. Schließlich entscheidet die Schulleitung am Ende, ob ein
tenz der Fachkraft, daraus die richtigen Schlüsse und Angebo-
Kind zurückgestuft wird. Nicht die Eltern und auch nicht das
te abzuleiten.
Kita-Team. Das verschiebt die Verantwortung vom System auf
das Kind. Besser wäre ein gemeinsamer, stärkenorientierter
Idealerweise beginnt der Übergang in die Schule lange vor
Blick. Das gelingt, wenn Kita und Schule zunächst eine ge-
dem ersten Schultag: Die Kinder besuchen ihre künftige Klas-
meinsame Sprache entwickeln, um sich über Kompetenzen
se, gemeinsam werden die Portfolios angeschaut und es fin-
und Interessen auszutauschen. Wichtig ist es, Übergabege-
den Übergabegespräche auf Augenhöhe statt – zwischen Kita,
spräche auf Augenhöhe mit den Eltern und – altersangemes-
Schule, Eltern und, altersangemessen, dem Kind selbst. Die
sen – mit dem Kind selbst zu führen. Es hilft, wenn sich Schu-
Schule knüpft nahtlos daran an: Es gibt feste Bezugsperso-
le und Kita gegenseitig besuchen und die Art
der Dokumentation kennenlernen. In der
Schule wären auch flexiblere Einstiege und individuelle Lernwege sinnvoll. Das würde den
Anpassungsdruck reduzieren. Ganz nach dem
Motto: Nicht das Kind passt sich dem System
an, sondern die Systeme passen sich der Vielfalt der Kinder an.
nen, Ankommenszeit statt Klingeltakt und
„Vorläuferfertigkeiten
für Lesen, Schreiben und
Mathematik entstehen
beim Spielen, in
Gesprächen, beim
gemeinsamen Planen
und beim Erkunden.“
flexible sowie individuelle Lernwege im Lernbüro statt Frontalunterricht im Gleichschritt
(was in der Grundschule allerdings nur noch
wirklich selten passiert). Toll wäre es, wenn
sich Partizipation wie ein roter Faden hindurchziehen würde: Die Kinder entscheiden
mit, was sie erforschen und wie sie zeigen,
was sie können.
In Ihrer Lehre und Forschung spielen
Diversität und Teilhabe eine zentrale Rolle. Wer schafft es
besser, auf die individuellen Voraussetzungen von Kindern
einzugehen: die Schule oder die Kita?
Es ist kein Entweder-Oder, sondern eine Frage der Bedingungen. Kitas haben durch den Alltagsbezug große Chancen für
eine individualisierte Begleitung, wenn der Betreuungsschlüssel stimmt und Zeit für Beobachtung, Dialog und Reflexion
vorhanden ist (was jedoch meist nicht der Fall ist, da die Betreuungsschlüssel zu schlecht sind und der Krankenstand des-
Prof. Dr. Gerlind Große, Forschungsprofessorin
für Frühkindliche Bildungsforschung und Leiterin des
PINA-Forschungslabors an der Fachhochschule Potsdam
halb zusätzlich hoch ist). Auch Schulen können mit multiprofessionellen Teams, Förderdiagnostik und verlässlichen Beziehungen sehr gut individuell begleiten, wenn Rhythmisierung,
Klassengrößen und Ressourcen stimmen. In beiden Fällen sind
eine gute Haltung, angemessene Betreuungsschlüssel und
eine professionelle Lernkultur entscheidend. Dann gelingt Individualisierung in beiden Settings. Es gibt sowohl für Kitas als
auch für Schulen tolle Vorbilder von Einrichtungen in Deutschland, die das konzeptionell sehr gut umgesetzt haben.
Was müsste passieren, damit die Vorschularbeit besser
gelingt – unabhängig davon, ob sie primär in der Kita oder
in der Schule stattfindet?
Stellen Sie sich einen Montagmorgen vor. Ein Kind kommt an,
hängt seine Jacke auf und wird mit Namen begrüßt. Weil der
Betreuungsschlüssel stimmt, hat die Fachkraft Zeit, sich auf
Augenhöhe hinzuknien und das Kind zu fragen: „Wie war dein
Wochenende?“ Aus diesem kleinen Moment entsteht Bildung:
Im Erzählen übt das Kind Sprache, im gemeinsamen Sortieren
und Zählen der Frühstücksbrote werden Mengen verhandelt,
beim Streit um den Baustein üben zwei Kinder Selbstregulation – feinfühlig begleitet und kognitiv anregend. Alltagsintegrierte Bildung heißt hier: Es gibt bewusst geschützte Zeitfenster für Beobachtung, Dialog und Resonanz.
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