Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 40
Aus der Praxis
Mehr
als
Vorschule
Was macht eigentlich
eine gute Vorschule aus?
Fröbel hat dazu eine klare Haltung.
Und ein Konzept.
„Bildung ist Selbstbildung, die keiner für einen anderen erbrin-
Spiel zum Essen oder vom Kita-Alltag in die Schule – als kon-
gen kann“, formulierte Wilhelm von Humboldt. Und Gerd E.
tinuierliche Bildungsprozesse.
Schäfer ergänzte: „Bildung beginnt mit der Geburt.“ Diese
Leitsätze prägen bis heute das pädagogische Selbstverständnis vieler Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Gleichzeitig
Das Fröbel-Lab – Impulsgeber für neue Wege
zeigen aktuelle Studien wie PISA (2023), dass ein wachsender
Um neue Ideen und Ansätze zu entwickeln, haben wir uns im
Handlungsdruck besteht: Das Bildungssystem steht vor Her-
Rahmen eines Fröbel-Labs mit verschiedenen pädagogischen
ausforderungen – und mit ihm die Frage, wie frühe Bildungs-
Fachkräften aus Kitas und Horten die folgenden Fragen ge-
prozesse gestaltet und gesichert werden können.
stellt: Wie kann frühe Bildung sichtbar gemacht werden? Wie
Dabei rückt die Rolle der Kindertageseinrichtungen zuneh-
ten? Im Lab wurden verschiedene Impulse, Konzepte und For-
mend in den Mittelpunkt. Als erste Bildungsinstitutionen
mate erarbeitet – immer mit Blick auf die Alltagspraxis, die
kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu: Hier werden
Bedürfnisse von Kindern und Familien sowie die Anforderun-
Grundlagen für Teilhabe, Chancen- und Bildungsgerechtigkeit
gen an pädagogische Fachkräfte, Gesellschaft und Schule. Ziel
gelegt. Doch im föderalen Bildungssystem entstehen regional
war es, neue Wege auszuprobieren, bestehende Erfahrungen
lassen sich Übergänge individueller und kindgerechter gestal-
sehr unterschiedliche Wege und Ansätze, wie frühe Bildung or-
zu bündeln und alltagstaugliche Ansätze zu entwickeln. Die Er-
ganisiert wird. Ein Beispiel ist Hamburg, wo Kinder mit Förder-
gebnisse aus dem Lab sind vielversprechend und werden nun
bedarfen durch das verpflichtende Vorschuljahr frühzeitig aus
in einer breiten Praxisphase erprobt.
dem Kita-System herausgelöst und stärker an schulische
Strukturen gebunden werden.
Orientierung durch Übergangsbeauftragte, Wegweiser und
Übergangskalender
Fröbels Perspektive – Bildung als individueller Weg
Ein konkretes Ergebnis des Labs ist die Entwicklung eines
Wir bei Fröbel begegnen diesen Entwicklungen mit einer kla-
Übergangskalenders, der durch einen Wegweiser für Übergän-
ren bildungstheoretischen Haltung: Frühkindliche Bildung ist
ge ergänzt wird und Familien als Orientierung dient. In jeder
mehr als Vorschule. Sie ist keine Vorbereitung auf das „eigent-
Fröbel-Einrichtung wird eine Person als Übergangsbeauftrag-
liche Lernen“, sondern eine eigenständige, wertvolle Phase im
te benannt, die die damit im Zusammenhang stehenden Pro-
lebenslangen Bildungsprozess und der Bildungskette.
zesse im Blick hat. Neben der Leitung ist sie Ansprechperson
für den Übergang in die Grundschule für alle Beteiligte.
Unsere pädagogische Arbeit orientiert sich an einem offenen,
inklusiven und kindzentrierten Bildungsbegriff. Wir gestalten
Diese Instrumente schaffen Orientierung und Transparenz und
Räume, in denen Kinder sich als aktive, kompetente Persön-
geben sowohl den Kindern als auch den Familien einen klaren
lichkeiten erleben können. Bildung wird dort möglich, wo Kin-
Überblick darüber, was konkret geplant, begleitet und reflek-
der selbstbestimmt lernen dürfen – in Auseinandersetzung
tiert wird. Es geht also um weit mehr als „Vorschule“: Es geht
mit ihrer Umwelt, ihren Fragen und ihrem Alltag. Dabei verste-
um Bildung als lebenslangen Prozess, in dem jedes Kind seinen
hen wir Übergänge – ob von der Eingewöhnung in die Kita, vom
eigenen Weg gehen darf und soll.
40