Magazin KINDgerecht Ausgabe 1-2025, November: Sind Kitas und Schulen gute Bildungspartner? - Magazin - Seite 7
Was braucht es, damit Kitas und Schulen gut zusammen-
für die Zusammenarbeit vor Ort notwendig – keine freiwilligen
arbeiten?
Zusatzaufgaben, sondern verankerte Strukturen. Nur so ent-
Ein gemeinsames Fundament aus Wissen über Kinderrechte,
steht ein durchgängiges Bildungsverständnis.
transparenter Kommunikation und Zutrauen in Kinder ist wichtig. Aber auch Strukturen, die Kooperation ermöglichen: feste
Der Übergang in die Grundschule bedeutet weit mehr als nur
Zeiten, gemeinsame Weiterbildungen und verbindliche Forma-
den Beginn des schulischen Lernens. Er bietet die Chance, Kin-
te. Wichtig ist auch die Haltung: Kinder müssen ernst genom-
dern Partizipation, Selbstwirksamkeit und den Mut zum Um-
men und ihre Freiräume respektiert werden.
gang mit Herausforderungen zu vermitteln. Dafür braucht es
klare Strukturen und verbindliche Kooperationen – sowie Er-
Sie haben zusammen mit Kolleginnen eine kritische
wachsene, die Kindern wirklich etwas zutrauen.
Analyse der Übergangsgestaltung der letzten 25 Jahre in
Deutschland durchgeführt. Worum ging es genau und
welche zentralen Erkenntnisse gab es?
Gemeinsam mit Petra Büker, Jana Herding, Julia Höke und Anja
Critical review of research and policy on transitions to
school from 2000–2025 in Germany
Seifert habe ich anlässlich des ersten Quartals des neuen Jahrhunderts die Forschung und die bildungspolitischen Entwick-
Autorinnen: Petra Büker, Jana Herding, Julia Höke, Anja Sei-
lungen im Übergang in die Grundschule in Deutschland analy-
fert, Katrin Velten
siert. Uns interessierte vor allem, wie sich die Gestaltung des
Übergangs in dieser Zeit in den Bundesländern entwickelt und
verändert hat, welche Forschungserkenntnisse und politischen
Entscheidungen das geprägt haben und welche Forschungsbedarfe und politischen Maßnahmen sich daraus wiederum heute
für Deutschland ergeben.
Wir haben drei große Einschnitte identifiziert, die wir „Gamechanger“ nennen. Der erste war der sogenannte PISA-Schock im
Jahr 2000, als Deutschland im internationalen Vergleich unerwartet schlecht abgeschnitten hat. Ein zweiter Wendepunkt die
Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr
2009, welche den Fokus stärker auf Inklusion legte. Der dritte
„Gamechanger“ sind die jüngeren Ergebnisse von PISA und anderen Leistungsvergleichsstudien ab 2021, die gezeigt haben,
dass Deutschland noch schlechter als zuvor abgeschnitten hat.
• Die Studie analysiert die Auswirkungen von Forschung, Politik und Praxis auf die Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule in Deutschland seit dem Jahr
2000. Im Zentrum stehen dabei die Folgen des ersten
PISA-Schocks im Jahr 2000, die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 sowie aktueller
Leistungserhebungen – darunter auch der zweite PISASchock und grundschulspezifische Erhebungen wie TIMMS
und IGLU.
• Ziel ist es, das etablierte Wissen sichtbar zu machen und
Konsens sowie bestehende Kontroversen in der deutschen
Bildungslandschaft anhand der wichtigsten Entwicklungen im betrachteten Zeitraum von 2000 bis 2025 herauszuarbeiten
• Methodisch wurden nationale Forschungsarbeiten, Modellprojekte und Expertinnen- und Expertengutachten
Welche Folgen hatten diese Gamechanger?
Nach dem ersten PISA-Schock gab es eine Welle von Modellprojekten in fast allen Bundesländern. Diese sollten Kita und
Schule enger verzahnen und Anschlussfähigkeit schaffen. Bei
chronologisch analysiert. Limitationen des Reviews liegen
in den föderalen Unterschieden und den breiten Publikationswegen für Forschung zum Übergang in Deutschland.
• Ergebnisse: siehe Interview.
der Behindertenrechtskonvention ging es vor allem darum, Kinder mit Förderbedarf nicht systematisch auszuschließen und inklusive Übergänge zu ermöglichen. Und die neueren Studien haben gezeigt: Trotz all dieser Bemühungen ist es in Deutschland
nicht gelungen, die Anschlussfähigkeit nachhaltig zu sichern
und Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder herzustellen – die
Probleme wiederholen sich.
Mein Fazit: Erstens braucht es eine strukturelle Verankerung
der Übergangsgestaltung. Zweitens sind gemeinsame Fort- und
Weiterbildungen von Fach- und Lehrkräften notwendig. Und
drittens müssen Kinderperspektiven einbezogen werden – nicht
nur rhetorisch, sondern praktisch.
Blicken wir nach vorn: Wie könnte im Jahr 2035 eine
durchgängige Bildungslandschaft aussehen?
Ich wünsche mir mehr gemeinsame Ausbildungsanteile für Kitaund Grundschulpädagoginnen und -pädagogen, damit Kooperation wirklich gelebt wird. Zudem sind feste Orte und Zeiten
Prof‘in Dr. Katrin Velten, Professorin für Bildung in der Kindheit an der Alice
Salomon Hochschule Berlin.
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